Sport in den Medien immer noch klassische Männerdomäne – Social Media auf dem Sprung

Sport in den Medien immer klassische Männerdomäne - Social Media auf dem Sprung
© Bild: Gemaco Media | Sport in den Medien immer klassische Männerdomäne - Social Media auf dem Sprung
  • SWR Umfrage unter mehr als 700 Spitzensportlerinnen erstmals bundesweit
  • Frauen im Spitzensport noch immer benachteiligt
  • Gleichberechtigung oft Fehlanzeige

Mainz/Stuttgart. Sie werden meist von Männern trainiert, müssen dem Gefühl nach für gesellschaftliche Anerkennung mehr leisten und sehen sich beim Thema Familienplanung oft nicht unterstützt. Eine exklusive, nicht repräsentative SWRUmfrage unter mehr als 700 Spitzensportlerinnen zeigt: Von Gleichberechtigung ist der Sport noch weit entfernt. Es ist die erste Umfrage zu diesen Themen unter Spitzensportlerinnen in Deutschland.

In der anonymen SWR Onlineumfrage teilten 719 Spitzensportlerinnen ihre persönlichen Erfahrungen zu Themen wie Sexismus, Familienplanung oder Stalking im Netz mit. Im Zeitraum vom 21. Oktober bis 31. Dezember 2020 wurde die nicht repräsentative Onlineumfrage unter Sportlerinnen durchgeführt, die mindestens auf nationaler Ebene in einer olympischen Disziplin an Wettkämpfen teilnehmen. Dabei äußerte etwa jede dritte Spitzensportlerin das Gefühl, Fans und Gesellschaft erwarteten von ihr ein anderes Verhalten als von männlichen Kollegen, ebenso etwa jede Dritte gab an, für ihren Erfolg spiele auch ihr Äußeres eine Rolle. Jede vierte Teilnehmerin wurde in ihrem Sport schon einmal sexuell belästigt.

Je attraktiver, desto mehr Follower und mehr Geld

Das äußere Erscheinungsbild spiele nicht nur bei ästhetischen Sportarten wie rhythmische Sportgymnastik eine Rolle, vielmehr gehe es um Social Media, Sponsoring und Werbung – und damit um Einnahmen, die über die sportliche Existenz einer Spitzensportlerin entscheiden können. Fast jede ist in den sozialen Medien aktiv, und damit auch deren Schattenseiten ausgesetzt: 40 Prozent von ihnen hat dort schon Sexismus erlebt, fast ein Fünftel berichtet von Stalking, von Anfeindungen oder Beschimpfungen. Doch nicht nur die sozialen Medien, auch die klassischen Medien sind für Sportlerinnen ein wichtiges Mittel, um Bekanntheit zu erlangen. Aber im Gegensatz zu den Männern werden Frauen in ihrer Sportart weitaus weniger medial abgebildet. Prof. Ilse Hartmann-Tews von der Deutschen Sporthochschule Köln belegt in ihren Studien, dass sich in der Presse nur zehn Prozent der tagesaktuellen Sportberichterstattung mit Sportlerinnen beschäftigten: Der Sport in den Medien werde immer noch “als klassische Männerdomäne dargestellt”. In der Konsequenz bedeutet dies für die Frauen, dass sie weitaus weniger verdienen als die Männer. Obwohl die meisten der Umfrageteilnehmerinnen auf internationalem Niveau unterwegs sind, gaben weniger als die Hälfte (43 Prozent) den Sport als Haupteinnahmequelle an, 41 Prozent der Befragten verdienen damit gar weniger als 10.000 Euro im Jahr.

Trainer überwiegend männlich

Auch die beruflichen Chancen nach der aktiven Karriere innerhalb ihres Sports sehen der Umfrage zufolge mehr als die Hälfte (52 Prozent) aller Teilnehmerinnen im Vergleich zu den Männern als nicht gleich verteilt an. Dazu passt, dass 77 Prozent aller Teilnehmerinnen den Angaben zufolge überwiegend von Männern trainiert werden, jede Vierte sogar ausschließlich von Männern. Jede vierte Spitzensportlerin gab an, sie würde sich eine andere Zusammensetzung des Trainerstabs wünschen. Die Vizepräsidentin des DOSB, Dr. Petra Tzschoppe, zeigt sich selbstkritisch. Bislang würden vor allem Sportler schon während der aktiven Karriere auf eine mögliche spätere Trainertätigkeit angesprochen, Sportlerinnen hingegen scheinen für den Verband nur während ihrer aktiven Laufbahn – besonders bei Chancen auf Medaillen – von Interesse, danach nicht mehr. Tzschoppe plädiert dafür, die Sportlerinnen im System zu halten, man könne sich für die Zukunft nicht leisten, die Sportlerinnen mit all ihrer Erfahrung und Expertise “so einfach von dannen ziehen zu lassen”.

Zyklus und Familienplanung beeinflussen Leistungssport

Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmerinnen (55 Prozent) fühlt sich unwohl dabei, mit ihren Trainern über die eigene Periode zu sprechen. Dabei ist dieses Thema für viele Sportlerinnen sehr relevant: So gab die Hälfte aller Spitzensportlerinnen an, die Periode beeinträchtige ihre Leistung. Prof. Petra Platen, Sportmedizinerin an der Ruhr-Universität in Bochum, beschäftigt sich seit Jahren damit. Nach ersten Studienerkenntnissen beeinflusse der weibliche Zyklus’ nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch die Verletzungsanfälligkeit. 40 Prozent aller Befragten waren der Meinung, der Zyklus solle stärker bei der Planung von Training und Wettkämpfen berücksichtigt werden. Auch beim Thema Familienplanung herrscht den Ergebnissen der nicht repräsentativen SWR Umfrage zufolge womöglich noch Nachholbedarf: So fühlt sich nur jede zehnte Teilnehmerin von ihrem Verein/Verband dabei unterstützt, ein Kind zu bekommen und weiter am sportlichen Wettbewerb teilzunehmen. Die Hälfte aller Spitzensportlerinnen gab an, die sportliche Karriere beeinflusse ihre Familienplanung. Marion Sulprizio leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln den interdisziplinären Arbeitskreis “Sport und Schwangerschaft”. Ihrer Einschätzung zufolge sei es aktuell meist so, dass der Moment, in dem eine Sportlerin die Familienplanung angehe, für sie den Ausstieg aus dem Leistungssport bedeute.

Sexismus, Belästigung, Missbrauch

Jede dritte Teilnehmerin (36 Prozent) gab in der SWR Umfrage an, sie erlebe in ihrem Sport Sexismus. Jede vierte Sportlerin teilte zudem mit, in ihrem Sport schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Erfahrungen mit verbaler sexueller Belästigung machte demnach etwa jede fünfte Teilnehmerin (21 Prozent), sieben Prozent der Teilnehmerinnen erklärten, schon körperlich belästigt worden zu sein. Sechs Teilnehmerinnen gaben an, in ihrem Sport schon einmal sexuell missbraucht worden zu sein. Die Frage, ob sie sexistische Erfahrungen an Trainer, Verein, Verband oder andere Vertrauenspersonen gemeldet hätten, verneinte die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) Als Begründung schrieben einige Sportlerinnen, dass sich eh nichts ändern oder auch dass es der Karriere nicht guttun würde. Hartmann-Tews von der Deutschen Sporthochschule Köln sieht hier den organisierten Sport in der Verantwortung. Doch auch wenn der DOSB und seine Mitgliedsorganisationen mittlerweile eine Vielzahl von Maßnahmen erarbeitet und umgesetzt hätten, zeigten weitere Untersuchungen auch, dass Prävention in kleinen Vereinen oft noch nicht angekommen sei. Aus Hartmann-Tews Sicht sei es zum Bespiel wichtig, wie vom DOSB vorgesehen, in wirklich jedem Verein Präventionsbeauftragte zu etablieren, zusätzlich brauche es aber auch externe Hotlines oder Ansprechpartner.

Sport ist noch nicht wirklich fair

Der Spitzensport an sich sei ein ganz eigenes System, in dem für Trainer- und Athlet*innen Medaillen im Vordergrund stünden und Grenzüberschreitungen täglich passierten – und von beiden Seiten akzeptiert würden. Zwar habe der Sport, als traditionelle Männerdomäne schon viele Unterstützungsstrukturen für Frauen entwickelt. Doch um dem gerecht zu werden, was die Gesellschaft sich wünsche, nämlich Gleichstellung, Gleichbehandlung und gleiche Chancen, bedürfe es noch einiger Anstrengung. “In der Hinsicht kann man nicht sagen, dass Sport wirklich fair ist”, so Hartmann-Tews.

© Quelle: SWR – Südwestrundfunk

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*